Interview #1: Was hältst Du von der Altersgrenze, Thomas Wessel?

Wir haben uns mit ein paar unserer erfahrenen Schiedsrichter-Kollegen geschnappt und ihnen ein paar Fragen gestellt. Vom schönsten Spiel der Laufbahn bis hin zum Abschneiden der DFB-Elf bei der EM streift ÖMi Philipp Romahn mit den Interviewten Themen rund um Pfeife und Fußball.

Der Interviewte heute kommt aus Rheine und hat beruflich mit Windkraftanlagen zu tun: Thomas Wessel. Der Bezirksligaschiri von GWA Rheine über Manuel Gräfe, einer Rechenaufgabe und warum man sich als Schiri nicht alles zu Herzen nehmen sollte.

Philipp Romahn: Seit wie viel Jahren bist du nun Schiedsrichter?

Thomas Wessel: Ich war von 15 bis 21 Schiri, habe mich dann nur auf das Fußballspielen konzentriert und dann vor 18 Jahren wieder die Pfeife in die Hand genommen. Zusammen also ca. 24 Jahre.

Weißt du ungefähr, wie viele Spiele du in der Zeit gepfiffen hast?

Puh, das kann ich nicht sagen. Aber kleine Rechenaufgabe: Es waren so ca. 25 bis 30 Spiele pro Saison. (schmunzelt)

Wir alle machen ja hin und wieder Fehler. Bei welchem hattest du mal im Nachgang richtig Bauchschmerzen?

Gar nicht so lange her. Da habe ich im Bezirksligaspiel Hauenhorst gegen Wilmsberg einen Elfer gegeben, der sich schon direkt nach dem Pfiff nicht so richtig anfühlte. Christoph Brüggemann (Trainer von Wilmsberg i. d. R.) und ich waren uns auch nach dem Spiel einig, dass der Pfiff auch hätte ausbleiben können.

Wieder hin zum Positiven: Welche schöne Erinnerung aus deiner Laufbahn erzählst du gerne anderen Menschen?

Es gibt viele… (überlegt kurz) Im letzten Jahr hatte ich das Pokalhalbfinale Vorwärts Wettringen gegen Eintracht Rheine. Da ging es ordentlich hoch und runter, hohe Intensität und eine Rote Karte. Mein Gespann und ich bekamen danach gutes Feedback. Ein wirklich schönes Spiel mit fast allem, was der Fußball so auffahren kann.

Jede*r Schiedsrichter*in hat eigene Werte und eine eigene Art zu pfeifen. Wie bleibt man sich am besten treu?

Routine ist für mich das Zauberwort. Vieles regelt sich darüber. Man entwickelt auch irgendwann ein Gefühl, dass man auch über unsachlicher Kritik stehen kann. Das ist sehr wichtig für uns.

Welche Schiedsrichter*innen dienten dir als Vorbild und welche findest du heute gut?

Der hat gerade leider aufhören müssen: Manuel Gräfe. Die Art, wie er seine Spiele geleitet hat, fand ich sehr beeindruckend. Ich konnte da immer viel für mich rausziehen. Auch mir ist es wichtig, ruhig und vernünftig mit den Spielerinnen und Spielern zu reden und ihnen auch kurz mal zu erklären, warum ich so entschieden habe, wie ich entschieden habe. Das hat Manuel Gräfe auch immer getan und wurde dafür sehr geschätzt.

Über die Jahre hat sich im Fußball viel verändert. Auch das Regelwerk wurde immer wieder angepasst. Wenn du eine Regel anders gestalten dürftest, welche wäre das?

Ich glaube, das verwundert jetzt nicht. (lacht) Ich würde gerne die Handspielregel wieder einfacher gestalten. Die Unklarheiten sind da momentan einfach viel zu groß. Ganz ohne Diskussionen wird es nie gehen, und mal ganz ehrlich: Wer will das auch?

Welche Sache außer das Pfeifen begeistert dich noch im Leben?

Aktuell vor allem unser neun Monate alter Hund. Der hält mich auch ohne Fußball ordentlich auf Trapp. Ansonsten auch meine Arbeit bei GE. Ich reise dort viel umher und lerne neue Menschen, Länder und ihre Kulturen kennen. Das macht mir sehr viel Spaß.

Hast du einen guten Ratschlag, den du jungen Kolleg*innen mit auf den Weg geben würdest?

Unbedingt Unterstützung holen, also eine Art Mentor oder Mentorin. Die Anfangszeit ist nicht ohne und da braucht man auch mal ein erfahrenes Ohr, wo man sich mal auslassen darf. Zudem möchte ich den Rat geben: Nehmt euch nicht alles zu Herzen! Letztendlich kochen die Lauten auch nur mit Wasser.

Kommen wir zu anderen Themen. Es ist einiges los im Fußball. Aktuell wird viel über die Altersgrenze für Schiedsrichter*innen in Profiligen diskutiert. Auch im Amateurbereich gibt es sie. Wie stehst du dazu?

Also da ich da befangen bin und meine Zeit in der Bezirksliga sich langsam dem Ende neigt, bin ich da natürlich gegen (schmunzelt). Man sollte es wie in England machen: Wer die Leistungen bringt und Lust hat, sollte weitermachen dürfen.

Gerade ist ja der Posten der DFB-Präsidentschaft frei. Es wird heiß über die Nachfolge von Fritz Keller spekuliert. Was muss der neue Präsident/die neue Präsidentin mitbringen, um den DFB wieder zu stabilisieren?

Es brauch jemanden, der/die aus dem Vereinsfußball kommt und dort auch schon was bewegt hat. Jemanden, der Fußball im Blut hat und die Mechanismen kennt. Andererseits finde ich die Idee gut, dass ein Schiedsrichter das macht. Bibiana Steinhaus-Webb oder Manuel Gräfe haben ja jetzt Zeit – und definitiv genug Fußballexpertise.

Zum Ende noch dein ganz persönlicher Blick auf die EM. Wie geht sie aus und wo landet Deutschland?

Deutschland wird überraschen! Ich traue denen das Halbfinale zu und das sie dort knapp scheitern werden. Gewinner wird wohl Frankreich, die finde ich sehr stark.

Bitte beende den folgenden Satz: Schiedsrichter sein heißt für mich…

…ein Vorbild für die jüngere Generation zu sein und die Werte, die der Fußball vermittelt, zu leben.